Romeo ist Julia
Open Call 500 Sofalesungen/100 Lectures Canap
Mit bald zwölf Jahren und 500 Veranstaltungen (darunter 100 «Lectures Canap» in der Westschweiz) sind die Sofalesungen inzwischen ein Zuhause für junge Literatur aus der Schweiz. Um dieses Jubiläum zu feiern, hat das Team einen Open Call ausgerufen, der sich an Autor*innen richtet, die noch kein Buch veröffentlicht haben. Dem Aufruf folgten 111 Einsendungen in deutscher und französischer Sprache, von denen 6 von einer unabhängigen Jury ausgewählt wurden. Viceversa beteiligt sich an dem Projekt und veröffentlicht die prämierten Texte in ihrer Originalfassung und in Übersetzung.
Wenn ich ein Mädchen wär
Im Winter
Dann bliebe ich draußen, bis der Schnee mich bedeckt, mich umhüllt,
Bis zur Kehle, bis zu den Augen, bis zu den Falten auf der Stirn, den Haaren,
FROZEN
Mit glühenden Wangen,
Arancia Rossa
Romantisch auf Skred & in Nike Air Max TN
Wenn ich ein Mädchen wär
Dann hieße ich Nina oder Lola, doch für sie wär ich Julia.
Man hätte mich vielleicht schon vergewaltigt,
Mir 10 000 Anmachsprüche an den Kopf geworfen
«Sie schmeckt wie ein Maisfeld, deine Haut»
«Unsterblich, Bruder»
Mit Vorsatz & ohne Lächeln
Hätte Romeo zwei Finger
& Spucke südlich meines Schambeins eingeführt
(Ich hätte gedacht «bestimmt hat er sich nach dem Drehen nicht mal die Hände gewaschen»,
Ich hätte an die dunkle Kruste unter seinen Nägeln gedacht,
Du weißt, mir ist zum Kotzen, ich schließe die Augen, ich sage «los, zieh das Kondom über»
Nur damit er seine Finger wegnimmt), Spucke hätte gereicht, wär mir lieber gewesen, wenigstens hab ich ihn schon mal
seine Zähne putzen sehen.
Arancia Rossa
Der Duft des Sommers, daran denke ich, wenn ich «im Bett» bin mit Romeo (Mark, Vincent, Antony, Efrim, Kalou, Rayan), die Therapeutin sagt, ich dissoziiere,
Dass ich mit aller Kraft kämpfe gegen eine unsexy Wirklichkeit, ich korrigiere
Traurig, düster, überpragmatisch, obwohl
«Arancia Rossa»
Doch Sizilien ist, die stürzenden Wildbäche des Ätna im Sturm, die rostigen Fiat Panda
60 auf der Autobahn gleich hinter Catania, Primi, Secundi, Acqua Minerale,
Moretti Limone, «DAI GIUSEPPE» auf dem rutschigen Schiffsdeck in Cefalù,
Parkplätzeauf sandigem Boden, Plastiktüten
Schmücken die Bäume an der Autobahn,
Der Zauber von dampfenden Arancini auf fast glühendem Sand,
Arancia Rossa & Nike Air Max TN,
Wenn ich ein Mädchen wär,
Dann wär ich für sie
Julia
& ich wünschte, sie wüschen sich den Mund mit Bleiche aus,
Auf Knien, dass sie mich anbetteln, mich anhimmeln, mich fürchten
& nicht mehr wagen, meinen Körper zu schänden, mein Porzellan,
Dass sie Gedichte schreiben, mir Lobeshymnen singen, mir
Tonnenweise Blutorangen bringen, an Vollmondabenden,
Dass sie sich an Straßenecken verstecken und mich beobachten, immer nur von Weitem,
Aus Angst vor meiner gerechten Rache,
Impulsiv in Nike Air Max TN,
Ich richte mich auf & ich entfache
Eine Furie in glühender Wut,
Denn ich erzähle meiner Therapeutin nicht davon,
Denn ich schäme mich nicht dafür,
Es raubt mir nachts nicht den Schlaf,
Ich dissoziiere ok, halb so wild,
Oder vielleicht doch, aber was soll’s,
Damit muss ich leben,
Wenn ich ein Mädchen wär
Im Winter
Dann bliebe ich draußen, bis der Schnee mich bedeckt, mich umhüllt,
Bis zur Kehle, bis zu den Augen, bis zu den Falten auf der Stirn, den Haaren,
FROZEN, mit glühenden Wangen, Arancia Rossa,
Ich lehrte die Männer Achtung vor Träumen, vor Röcken, vor love,
vor Wölfinnen; besser eine stylische Schriftart, selbst, wenn man nichts zu sagen hat,
(Helvetica Neue Medium, du weißt),
Ich würde ihnen sagen, dass Bücher nicht beißen,
Dass sie gemeinsam einsam sein können,
Dass wir oft im See der verlorenen Fälle baden müssen, einfach um
Die Schmerztemperatur zu testen,
Mit unseren Nägeln unter der Oberfläche kratzen zur Ausweitung der Kampfzone
Von Gloss & Lack, der glitscht & derselbe ist wie der, der fleckt,
Der platzt,
Man blut, man lacht, man trän, auch wir
Wir haben Seelenzustände, sonnenlose Sommer,
Nicht nur perfekte Fotos,
Auf Insta, «ja ja, alles gut»,
«Unsterblich, Bruder»
«Soweit das Auge reicht, blendet deine Schönheit»
Jeder weint einmal pro Sonntag, pro Sommer oder pro Semester,
Jeder steht auf Oreos, Umarmungen, guten Sex, Anmachsprüche,
Irgendwie niedlich, wenn’s nicht nur ums Ficken geht oder um Lacher in Reels,
IRL, ich bin romantisch auf Skred,
Beim Training, glühend, in TN,
& wenn ich ein Mädchen wär, dann hieße ich Nina oder Lola, doch für sie wär ich Julia,
Ich hätte mir schon oft gewünscht zu sterben
1 000 Mal
Bitterorangen
Blutorangen
Erinnerungen an Sizilien
Acqua Di Parma
Meine Haut klebrig vom Sommersalz
Der Duft des Ätna
Euphorie in den Blicken
Auf meinem Körper, betäubt & gebräunt und beschmutzt,
Ich dissoziiere, ich begrabe meine Gefühle und grabe sie wieder aus, stark & still &
Unbenennbar
Und deren Schönheit nur das Licht der Morgendämmerung gleichkommt, sickernd
Durch den Tau auf dem schlafenden Gras
Ich schaffe Platz, damit die Traurigkeit
Sich ausbreiten kann, ohne mir die Luft abzuschnüren
Soweit das Auge reicht & bis über beide Ohren
Ich richte mich auf & ich entfache
Eine Furie in glühender Wut
Ich bade im tiefdunklen Wasser der verlorenen Fälle
Ich muss damit leben, wenn ich
Julia heiße
«Sie schmeckt wie ein Maisfeld, deine Haut»
Mein Leben wäre ein Mosaik aus Anmachsprüchen
Aber
Niemals gäbe ich dir meine Adresse
Ich weiß, du hättest wenigstens gern den Fuß in der Tür, Romeo, aber vergiss es,
Nicht mal für 100 Mäuse lächle ich, ich wünschte, wir könnten uns einfach in Frieden lassen,
Dass deine freiwillige Abwesenheit der Leere ihr Lachen zurückgibt, süß, sanft & sirenenhaft,
Romantisch auf Skred
Stabil bei Squats, glühend, in TN,
Wenn ich ein Mädchen wär, dann spielte ich nicht mit Drohnen
Und doch trüge ich den Krieg in mir,
Ein Minenfeld, kurz unter der ersten Schicht Melanin, unter meiner Haut
Hielte ich all meine Minen, meine Granaten, meine Geschosse verborgen
Aber
Ich würde lieber keinen Gebrauch davon machen müssen, wäre lieber auf der Seite des Lebens, also bitte
Fass mich nicht an, ohne mich vorzuwarnen, nicht am Tag, nicht im Gesicht, nicht am Rücken, nicht in der Nacht,
Wenn alle Wölfe unterwegs sind,
Dann flehe ich und bete, damit Medea, Penthesilea & Buffy über mich wachen
Ich tränke niemals Kaffee, wenn du ihn gekocht hast
Ich schliefe mit meinem Cold Steel in der Hand, direkt unterm Kopfkissen
Aber
Ich würde lieber keinen Gebrauch davon machen müssen, nicht für deine Kehle und auch nicht in der Küche,
Ich hätte es lieber, du holtest was vom guten Thai direkt neben dem Bahnhof,
Ich wäre keine Tradwife
Ich wäre stabil bei Squats, glühend,
Romantisch in TN,
Ich wär für sie nicht immer Julia,
Oft wäre es einfach nur
«Du bist echt heiß»
«Unsterblich, Bruder»
Manchmal pfiffen sie mir hinterher oder folgten meinem Hintern mit ihrem Blick, glotzten mir auf die Brüste Hinter
Ihren schwarzen indiskreten Brillen, im Nachhall einer durchwachten Nacht, freitags, in Gruppen
Oder einfach in der Métro morgens, mittags & abends, Bruder, ich entlarve dich in Handumdrehen,
Was glaubst du eigentlich
Aber vergiss es, nicht mal für 100 Mäuse lächle ich für dich,
In meinem Kopf sind nur die Erinnerungen an Sizilien,
Die glühende Lava des Stromboli
Im blauschwarzen Augusthimmel,
Die Buchten hängen an den Klippen, gleich hinter Palermo auf der Straße von Marsala,
Ja ich dissoziiere, das stimmt
& was solls?
Ist das so schlimm, keine Ahnung, aber wenn ich ein Mädchen wär
Im Winter
Dann bliebe ich draußen, bis der Schnee mich bedeckt, mich umhüllt,
Bis zur Kehle, bis zu den Augen, bis zu den Falten auf der Stirn, den Haaren
FROZEN, mit glühenden Wangen, Arancia Rossa,
Damit der Ekel mich verlässt
Damit der Geschmack der glücklichen Tage
Wieder in den Vordergrund meiner Erinnerungen rückt, das ist der Schlüssel zum Überleben
Bis zu den ersten Strahlen der Frühlingssonne, bis zum Anbaden
In Vidy, ohne Zähneklappern, der Blick streichelt die Sonne, die glühend mit dem Jura verschmilzt,
Der Geist von Ferdinand Hodler ertrunken im Rosarot des endlosen Genfer Sees, ebenso
Schön
Wie Romeo vulgär, impulsiv, er würde sagen
«Fick seine Mutter, das ist krass»,
In seinem Mund wird alles zu Krieg,
Sex, Ex, Geister,
Bis eine Julia ihn in die Arme schließt,
Es ist so leicht, Schokolade zum Schmelzen zu bringen, oder einen Macho, einen Masku,
Arancia Rossa,
Man braucht nur Platz zu schaffen, damit die Traurigkeit sich ausbreiten kann, ohne es sich zu sagen, im Geheimen, ohne
Zeugen,
Romantisch auf Skred, im Salon, im Sturzflug oder im Suff,
«Sie schmecken wie ein Magnetfeld deine Lippen»
«Zum Verrücktwerden, Bruder»
Wenn ich ein Mädchen wär,
Würde ich mit den Wimpern klimpern,
Ultralang natürlich & warum auch nicht,
Im Januar, März oder Februar,
Ich bliebe draußen, bis der Schnee mich bedeckt, mich umhüllt,
Bis zur Kehle, bis zu den Augen, bis zu den Falten auf der Stirn, den Haaren,
FROZEN, mit glühenden Wangen, Arancia Rossa,
Romantisch auf Skred & in Nike Air Max TN
Wenn ich ein Mädchen wär, dann hieße ich Nina oder Lola, doch für sie wär ich Julia.
Man hätte mich vielleicht schon vergewaltigt,
Mir 10 000 Anmachsprüche an den Kopf geworfen,
«Sie schmeckt wie ein Maisfeld, deine Haut»
«Unsterblich, Bruder»
Ich schriebe keine Poesie,
Ich ginge zur Therapie,
Ich bäte ChatGPT,
Eine perfekte Welt zu entwerfen
(Aber das ist nicht möglich, er weiß nicht, was die Angst vor dem Monatsende ist oder die Schönheit
Der Blätter am Baum, die erzittern, wenn man morgens zur Arbeit geht, die rosafarbene Sonne, die Den Jura streichelt)
Ich wäre keine Tradwife
Ich wäre ein schwarzes Feuer
Das mit den Wimpern klimpert,
Auf dem Gipfel eines piniengestreiften Berges, in Zweierreihen, Hand in Hand,
Weißglühend,
Im Klein-blauen Himmel der Schweiz, Chiles oder Spaniens, romantisch auf Skred & in TN,
Misanthropin zu jeder Stunde,
Nachts schwebe ich in der Leere
Selbst in meinen Träumen
Vor dem Tsunami zieht sich das Wasser immer zurück, wenn ich schreien will, ist meine Stimme weg,
Ich reibe mich an einer flauschigen Wolke aus Pampasgras, direkt über
Tausenden getrockneten Jasminblütenblättern,
Kirschblüten, so rosa und so
Weiß, so fröhlich und so trist zur gleichen
Zeit,
Ich fühle mich cringe & ich lodere,
Wenn ich schreien will
Spucke ich ein schwarzes Feuer.
Ich webe ultralange Fäden aus den Wimpern von Louise Bourgeois, ich verwandle mich in
Tapete, in
rotes Zimmer,
Ich stricke Gedichte aus Himmelsfäden
Klein-Blau, ich dissoziiere tatsächlich
Ja, na und?!?
Ich wollte schon 1 000 Mal sterben
Bitterorangen
Blutorangen
Erinnerungen an Sizilien
Acqua di Parma
Entweiht
Nach Lust und Laune
Ruf mich nicht an, vergiss mich,
Romeo, Romeo,
Blablablablabla
Arancia Rossa
Es ist der Duft des Sommers
Von Cefalù und des Ätna,
Die Tektonik der Touristenwellen, die anbranden und sich reiben und sich verkeilen an den
Stränden
Nachts schwebe ich in der Leere, ich grabe Gefühle aus, stark & still
& unbenennbar, deren Schönheit nur das Licht der Morgendämmerung gleichkommt, sickernd durch den
Tau auf dem schlafenden Gras,
Ich schaffe Platz, damit die Traurigkeit
Sich ausbreiten kann, ohne mir die Luft abzuschnüren,
Soweit das Auge reicht & bis über beide Ohren,
Ich richte mich auf & ich entfache
Eine Furie in glühender Wut
Die Jury
- Stephan Bader, Journalist, Co-Leiter Internationales Literaturfestival Leukerbad und Vize-Präsident des Vereins Sofalesungen.
- Camille Rebetez Regionalverantwortlicher der Sofalesungen für den Jura.
- Barbara Lussi, Mitarbeiterin und Absolventin Schweizerisches Literaturinstitut.
- Raphaëlle Lacord ist Übersetzerin und vertritt die Plattform viceversa.
- Ava Slappnig vertritt das Literaturmagazin Edition Gossip.
- Sonja Muhlert ist Verlegerin für den Bieler Verlag die Brotsuppe.