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Beat Mazenauer

Zitat oder Plagiat – das ist die Frage

Kommentar zur Causa Mannhart

1990 entwickelte der amerikanische Autor Raymond Federman in vier Vorlesungen zur Literatur seine Poetik der «Surfiction». Die Epoche der Darstellung (Mimesis, Realität, Realismus) und des Ausdrucks (Psychologie, Romantik) ist demnach vorbei, an ihre Stelle ist eine neue Literatur getreten, die zum Akt der Selbstreflexion mutiert. Diese «Literatur wird zur Metapher ihres eigenen narrativen Prozesses». Zugleich legt sie es darauf an, die «Fiktionalität der Realität» offen zu legen. Federman löst die starren Grenzen zwischen Literatur und Wirklichkeit auf und setzt beide in ein dynamisches Verhältnis zueinander. Davon bleibt auch der Autor mit betroffen.

Der Mythos vom Schöpfer-Autor hat nach Federman ebenso ausgedient wie die Idee der Originalität. «Wir sind umgeben von Diskursen», und derart eingekesselt erfindet die Einbildungskraft des Autors nichts Neues, sondern sie «imitiert, kopiert, wiederholt, nachhallt, vervielfältigt – mit anderen Worten plagiarisiert –, was schon immer da war». Das ist der brisante Kern- und Knackpunkt, der aktuell auch in der Causa Urs Mannhart zu bedenken ist. Federman betont nochmals: «SCHREIBEN heisst zuallererst ZITIEREN. (...) Diese Entmystifizierung der heiligen Funktion des AUTORS und der Idee der ORIGINALITÄT deutet an, dass tatsächlich alle Schriftsteller als PLAGIATOREN bezeichnet werden können».

So weit so gut, Streitfälle werden dadurch argumentativ angeregt, aber nicht gelöst. Federmans Position gilt es aber vielleicht mitzubedenken im Streitfall um den Roman «Bergsteigen im Flachland» von Urs Mannhart. Vorab sollte festgehalten werden, dass Zitieren, Abschreiben, Plagiieren oder Klauen überhaupt nichts Neues ist, auch wenn es den Anschein haben mag. Vielmehr gilt die Gleichung, dass je einfacher man technisch kopieren kann, umso leichter sind die Kopisten zu entlarven. Die Aufmerksamkeit für diese Katz- und Mausspiel ist in der medialen Öffentlichkeit sichtlich grösser geworden. Allerdings hockt der Teufel woanders, auf der Grenze zwischen unrühmlichem Plagiat und ehrenwertem Zitat.

Genau darum geht es in der Causa Mannhart. In seinem Roman hat sich Urs Mannhart unter anderem von Texten des von ihm bewunderten Reporters Thomas Brunnsteiner anregen lassen. Von diesem stammt auch ein Zitat im Vorspann, das von heute aus gesehen geradezu ironisch klingt: «Wir teilen. Ich trinke aus seinem Zahnputzbecher. Er aus der Flasche.» Aufgrund von Ähnlichkeiten, Anleihen etc. hat sich nun Thomas Brunnsteiner entschieden, den Autor wie den Zürcher Secession-Verlag zu verklagen mit dem Argument, dass Zitate und Ideen aus seinen Reportagen ohne klare Kennzeichnung verwendet worden seien. Das weckt Fragen, auch Skepsis. In verschiedenen Medien ist der Fall geschildert worden, Roman Bucheli gab am 2. August in der NZZ Beispiele für die "Verstösse". Urs Mannhart selbst gesteht Anleihen auch ein. Er habe sie, anstatt sie zu vertuschen, teils auch stehen lassen aus Respekt vor Brunnsteiner.

Inzwischen ist der Streit eskaliert mit einer Klage vor dem Handelsgericht über eine Streitsumme von 30'000 Franken. Ruinös für Autor und Verlag. Es liegt in der Natur der Sache, dass beide Seiten in eigenem Interesse die Streitpunkte minimieren oder maximieren. Der genaue Umfang ist von aussen gesehen nur schwer abzuschätzen. Eine Diskussion ist die Streitsache auf jeden Fall wert: Wo verläuft die Grenze zwischen Plagiat und Zitat?
Im Licht der Federmanschen Poetik müsste vor allem danach gefragt werden, inwieweit Brunnsteiners Reportagen nicht selbst «Plagiate» sind (im Sinne Federmans, wohl verstanden) – und Mannhart demzufolge ein Plagiator des Plagiators (abermals nach Federman). Wir sind umgeben von Diskursen, Büchern und Realitäten – diesem Sachverhalt unterwirft sich gerade prototypisch das Genre der Reportage. Wie kein anderes Genre plagiiert es die Realität. Angesichts dessen fragt sich: Ist die literarische Übernahme und Verarbeitung von Figuren, die Brunnsteiner in Reportagen porträtiert, unverfroren oder zulässig? Eine spannende Diskussion, doch ein problematischer Gerichtsfall.

Gewiss ist, dass Urs Mannhart fahrlässig gehandelt hat, zumindest Brunnsteiners Reportagenband wäre gesondert im Anhang nachzuweisen gewesen. Doch skeptisch stimmt der Gang vor Handelsgericht, der offenbar gut kalkuliert ist. 30'000 Franken ist dem Vernehmen nach (gemäss Zivilprozessordnung) der Mindeststreitwert für eine Klage vor Handelsgericht, dessen Urteil wiederum nur vor Bundesgericht angefochten werden kann. Klug – oder zu gewieft? Hinzu kommt ein Verkaufs- und Auftrittsverbot für Urs Mannhart, was diesen besonders hart treffen muss.

Bei all dem kommt man nicht um den Eindruck herum, dass Thomas Brunnsteiner die geschenkte Chance nutzt, um sich selbst ins Gespräch zu bringen. Indem er seine Position mit solcher Schärfe verficht, fragt sich, wem er etwas beweisen will. Und was. Er zielt offenkundig nicht auf eine gütliche Einigung, sondern auf eine juristische Entscheidung, welche die Schädigung des Beklagten getrost in Kauf nimmt. Das mag legitim sein, vom rechtlichen Standpunkt aus, Sympathiepunkte für sich und sein Werk sammelt Thomas Brunnsteiner so allerdings keine. 

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